In einer Beziehung, wie liebevoll sie auch sei, geht es immer auch um Macht. Jedenfalls war das in meiner Vor-Eva-Zeit so, und seit ich für dieses Thema sensibilisiert bin, erkenne ich das Muster auch bei anderen Paaren. Macht entsteht dabei nicht unbedingt durch Geld, körperliche Überlegenheit oder die Fähigkeit, beim Frühstück besonders überzeugend mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Viel subtiler – und deshalb wirkungsvoller – ist die Macht dessen, der über etwas verfügt, das der andere gerne hätte.
Das muss zunächst überhaupt nichts Negatives sein. Menschen bringen unterschiedliche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Möglichkeiten in eine Beziehung ein und können sich gerade deshalb hervorragend ergänzen. Problematisch wird es erst, wenn aus dieser Unterschiedlichkeit eine dauerhafte Abhängigkeit entsteht. Dann kann eine Partnerschaft für den einen zum Selbstbedienungsladen werden, während der andere zunehmend damit beschäftigt ist, die Bedingungen für die nächste Ausgabe von Zuwendung zu erfüllen.
In meiner Pubertät – also ungefähr bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr – erlebte ich dieses Prinzip besonders deutlich. Die Mädchen waren sich ihrer kommunikativen Überlegenheit und körperlichen Attraktivität meist erheblich früher bewusst als wir Jungs und lernten schnell, dass unsere Balzanstrengungen davon beeinflusst wurden. Gefiel die Vorstellung, wurde körperliche Nähe gewährt. Gefiel sie nicht, folgte Ablehnung.
Das IAAT-Hamburg konnte diesen Zusammenhang später sogar mathematisch erklären. Bezeichnen wir die männliche Balzanstrengung mit B und die erhoffte weibliche Gunsterweisung mit G, dann galt nach meinen empirischen Untersuchungen:
P(G | B) > P(G | ¬B)
Noch entscheidender war allerdings, dass B allein keineswegs hinreichend für G war. Die Balz musste zunächst einer Qualitätskontrolle unterzogen werden.
Das vollständige Verfahren lautete also:
Balz → weibliche Bewertung → Gunstgewährung
oder, im ungünstigeren Fall:
Balz → weibliche Bewertung → Ablehnung
Das Entscheidende daran war weniger die Ablehnung selbst. Jeder Mensch darf schließlich selbst bestimmen, wem er körperlich nahekommen möchte. Das Machtgefälle entstand für mich vielmehr dadurch, dass ich mich ständig in der Position eines Antragstellers befand. Ich lieferte einen Antrag auf Zuwendung ab und wartete anschließend auf dessen Genehmigung.
Und Genehmigungen erzeugen Dankbarkeit, obwohl ich bereits von der einleitenden Küsserei auch schon immer sehr angetan war.
Bei mir bekam diese Form der Gunsterweisung deshalb irgendwann einen unangenehmen Beigeschmack. Nähe fühlte sich nicht mehr ausschließlich wie gemeinsame Liebe an, sondern gelegentlich wie die gnädige Zuteilung einer begehrten Ressource. Wer etwas zuteilt, besitzt Macht über denjenigen, der darauf wartet.
bei diesem Bild hat ChatGPT geholfen
Dann kam Eva.
Und Eva machte etwas für mich vollkommen Verblüffendes:
Sie wollte mich.
Nicht erst nach erfolgreicher Balz. Nicht als Belohnung für Wohlverhalten. Und schon gar nicht als Gnadenakt.
Sie fordert körperliche Nähe bis heute ganz selbstverständlich bei mir ein.
Damit brachte sie das gesamte, über Jahrzehnte mühsam entwickelte mathematische Modell des IAAT-Hamburg zum Einsturz. Plötzlich war
P(Nähe | Balz) ≈ P(Nähe | ¬Balz),
weil meine Balzleistung für die grundsätzliche Frage, ob sie mir nahe sein wollte, überhaupt nicht mehr die entscheidende Variable war.
Das ist eine ausgesprochen männerfreundliche Strategie, zumal ihre Ansprache eindeutig und nicht notwendigerweise eine Interpretation erforderlich macht.
Ich muss keine Pfauenfedern aufstellen, keine Zweige anschleppen und keinen komplizierten Paarungstanz aufführen, um anschließend gespannt auf das Ergebnis der Jury zu warten. Eva wartet nicht darauf, dass ich Nähe beantrage.
Sie beantragt selber.
Und damit hat sie mir ausgerechnet dadurch einen großen Teil meiner Machtlosigkeit genommen, dass sie ihre eigene Macht nicht benutzt.

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