Eva hat Glück mit ihrem Job in Hamburg. Nach nur wenigen Bewerbungen wird sie Leiterin einer Reha-Abteilung. Fachlich kein Problem - das hat sie im Griff.
Aber
dann kommt das, womit keiner rechnet: die
Kollegen.
Genauer
gesagt: eine Gruppe Pinguine.
Die Führungsmannschaft entpuppt sich als eingeschworene Herde. Alle in Schwarz-Weiß. Gleichförmig, angepasst, skeptisch gegenüber allem, was auch nur ein bisschen zu bunt wirkt.
Eva ist kein Pinguin - eher ein Paradiesvogel und das mögen Pinguine nicht.
Es ist ein universelles Phänomen. Firmen schreiben in Stellenanzeigen zwar gerne: Wir suchen kreative Köpfe, bunte Querdenker, echte Charaktere! - aber wehe, so jemand taucht dann wirklich auf.
Die Herde rückt zusammen, pickt an den bunten Federn. Veränderung wird ausgebremst - automatisch - womit wir beim Thema Massenträgheit wären. Pinguine haben zwar Federn, keine Haare - aber sie wirken, als trügen sie ein Fell aus Konformität. Wer dagegen anflattert, braucht einen langen Atem. Und ein dichtes Gefieder.
Bei mir in der Firma sieht’s nicht besser aus - eher schlimmer.
Wir haben keinen Tarifvertrag. Gehalt wird nach Nase bezahlt. Unser Chef sagt gern: „Tarifvertrag ist deine Hand in meiner Tasche!“
Er steuert den Laden noch nach der Mecklenburgischen Gesindeordnung - mit dem Charme eines Landadeligen, der das Recht der ersten Nacht vermutlich nur deshalb nicht einfordert, weil er Angst vor einem Shitstorm hat.
Die Führungsriege steuert er selbst. Täglich sitzen bis zu 45 Leute in der sogenannten Postbesprechung. Ein organisatorischer Totalschaden und galoppierender Wahnsinn. Für echte Entscheidungen bleibt keine Zeit.
Ich will trotzdem mitreden. Also kandidiere ich für den Betriebsrat und lande prompt ebenfalls in einem Gremium aus Pinguinen. Unser Tarifvertrag wird also noch eine Weile auf sich warten lassen. Der Vorsitzende, Uwe, verwaltet das Gremium, als gehöre es ihm persönlich.
Der Landadlige schickt bei Betriebsversammlungen immer kleine Sticheleien aus der ersten Reihe - er will mich ganz offensichtlich mürbe machen.
Ich nehme’s sportlich. Aber ich merke, dass ich üben muss, wenn ich ihm eines Tages zeigen will, wo Barthel den Most holt - und dabei nicht wie ein Vollpfosten aussehen will.
Argumente gegen Massenträgheit durchzusetzen ist verdammt schwer. Gilt in der Physik wie in der Verwaltung. Besonders bei Pinguinen mit mehreren Sonnenmassen. Deshalb müssen wir beide überzeugend reden lernen. Klare Botschaften, fester Stand, gutes Timing.
Das gilt übrigens auch für die Küche. Dort betreibt Eva regelmäßig ein Multitasking, das mich an die Grenzen meines physikalischen Verständnisses bringt. Sie hantiert mit drei Töpfen gleichzeitig, jedes Teil hat eine andere Garzeit, und am Ende ist alles auf die Sekunde genau gleichzeitig fertig.
Ich stehe daneben, völlig fasziniert. Das kann doch kein Mensch so gut steuern und da fällt mir der alte Heisenberg ein - der mit der Unschärferelation. Die besagt, dass man bei sehr kleinen Teilchen nicht gleichzeitig wissen kann, wo sie sind und wohin sie wollen. Schon der bloße Versuch, sie zu beobachten, verändert ihren Zustand bzw. Standort.
Das erklärt ziemlich genau, was in unserer Küche passiert. Der Topf mit dem Gemüse ist gerade noch da - und plötzlich brodelt er schon auf dem Tisch. Wie sie das macht? Keine Ahnung. Ich nenne es Küchensuperposition.
Manchmal fällt dabei auch was runter - das sind dann die Austastlücken - kleine, unvermeidbare Zwischenräume, die jede komplexe Bewegung braucht. In der Küche, auf der Galeere, überall. Ohne Austastlücken keine Bewegung - ohne Dellen kein echtes Essen.
Sagen Sie’s bitte nicht dem alten Heisenberg, wofür ich seine Theorie zweckentfremde. Aber ich schwöre: So gut wie Eva hat’s noch niemand angewandt.
Da das Angebot an Rhetorik-Seminaren riesig ist, entscheiden Eva und ich uns für ein preiswertes Wochenende im Gustav-Stresemann-Institut in Bad Bevensen. Bildung mit Bierdeckel-Charme - aber Hauptsache: wir lernen etwas.
Die Heimvolkshochschule ist im alten Gerichtsgebäude untergebracht, Bier gibt’s im ehemaligen Folterkeller. Übernachtet wird in Mehrbettzimmern. Jugendherbergs-Feeling inklusive. Beim Frühstück gibt’s Hagebuttentee aus Alukannen - es grüßt die Schulzeit.
Unser Kurs zählt elf Teilnehmer, acht davon Frauen. Erstmal gibt’s die unvermeidliche Vorstellungsrunde: „Ich heiße Erwin Lottemann, bin 65, und Rentner …“ Niemand verrät, warum er wirklich hier ist.
Dann kommt Eva.
Sie sagt, was Sache ist: „Wir haben hier nur ein Wochenende - also Butter bei die Fische: mein Problem ist, vor Gruppen zu sprechen, in denen nur Pinguine sitzen. Ich bin der Paradiesvogel. Meine Botschaften sind klar - aber niemand versteht sie. Ich will lernen, wie man durchdringt.“
Stille - dann Zustimmung. Der Knoten ist geplatzt.
Es folgt eine zweite Vorstellungsrunde - jetzt mit Inhalt. Alle outen sich als bunte Vögel mit unbequemen Botschaften und skeptischem Publikum. Gemeinsamkeiten überall:
Alle sind Paradiesvögel.
Alle umgeben von Pinguinen.
Niemand weiß, ob seine Botschaft überhaupt ankommt.
Danach: Praxis.
Jeder soll eine kurze Rede halten. Fünf Minuten, mit Videoaufnahme. Thema: egal. Der Wahnsinn beginnt. Keiner bleibt unter zwanzig Minuten. Jeder will plötzlich alles sagen.
Um 22 Uhr sind wir endlich durch. Danach: runter in den Folterkeller. Wein, Lachen, ehrliche Gespräche bis tief in die Nacht.
Am nächsten Morgen sehen wir uns die Aufnahmen an. Und plötzlich:
Kein Gestotter.
Kein Schweiß.
Keine Hänger.
Nur souveräne Auftritte. Unsere Reden mit Haltung, mit Struktur und Wucht. Wir sind baff. Ich denke: Wer ist dieser Typ da vorne? Muss ein Double von mir sein.
Beim nächsten Bildungsurlaub - wieder im Gustav-Stresemann-Institut geht’s um Kommunikation mit schwierigen Partnern. Der Titel des Seminars:
Nun werd doch nicht gleich unsachlich - ein Satz, der sehr bald an Relevanz gewinnt.
Mit dabei: ein wortgewaltiger Abteilungsleiter aus einer Kleinstadtverwaltung aus dem Hamburger Umland. Seminarteilnahme: Geschenk seiner Mitarbeiter. Er bringt seine Frau mit. Alle Alarmglocken hätten da läuten müssen - bei ihm offenbar nicht.
Spätestens nach fünf Minuten ist klar, wer hier das eigentliche Studienobjekt ist.
Es gibt Gruppenarbeit: Drei Teams, Aufgabe: einen Turm bauen aus Papier: DIN-A0 immerhin, einer viel zu kleinen Schere und etwas eingetrocknetem Kleber. Bewertet wird am Schluss, aber niemand weiß, nach welchen Kriterien.
Eva landet ausgerechnet in SEINER Gruppe. Noch bevor irgendjemand Luft holen kann, baut sich der Mann wie ein Reichsbaumeister auf, klopft auf den Tisch und fragt: „Wer ist hier außer mir noch Ingenieur?“ Ohne Antwort abzuwarten, legt er fest: „Gut. Dann bauen wir den Eiffelturm.“
Schere und Papier drückt er Eva in die Hand. „Schneid schon mal Streifen, Mädchen. Das kannst du doch?“
Eva lässt die Schere fallen. Wortlos. Unmissverständlich. Dann sagt sie, ruhig aber glasklar: „Ich schneide nichts, solange nicht klar ist, was das Ziel ist und wie wir dahin kommen.“ Der Abteilungsleiter ignoriert sie, reicht die Schere weiter. Jemand anders schneidet brav drauflos.
Eva
verschränkt die Arme. Körpersprache wie ein Stoppschild.
„Ich
arbeite nicht in einer Diktatur“, sagt sie.
„Ich bin selbst
Führungskraft - und kein Mädchen zum Basteln.“
Er knurrt: „Dann eben nicht. Wir schaffen das auch ohne dich.“ Spätestens jetzt ist jedem im Raum klar, warum seine Mitarbeiter ihm dieses Seminar geschenkt haben.
Der
Turm ist übrigens Nebensache.
Das
Ziel ist:
beobachten, wie Gruppenführung funktioniert.
Es gewinnt am Ende niemand, aber jeder lernt etwas - zum Beispiel, dass Überzeugungen selten sofort und fast nie durch Konfrontation entstehen.
Gute Argumente wirken oft zeitverzögert. Tage später, leise. Und plötzlich hält sie jemand für seine eigenen. Was okay ist - wenn man anderen ihr Gesicht wahren lässt.
Diese Erkenntnis bleibt. Tiefer als jeder Papp-Turm und langlebiger.
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